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Wie
baut der Erzähler den Text auf und wie strukturiert er ihn? Durch
die Einführung eines ungenannten Berichterstatters schafft Böll die Möglichkeit,
von der chronologischen Anordnung der Ereignisse abzuweichen. Die Erzählung
ist vom Inhalt her eine Kriminalgeschichte, in der es um mehrere
vorgebliche und tatsächliche Verbrechen geht, die aufgeklärt werden
sollen. Wie in den meisten Kriminalgeschichten steht die eigentliche Tat
am Anfang, hier im dritten Kapitel. Im Gegensatz zu anderen
Kriminalgeschichten, in denen der Täter erst gesucht werden muss, stellt
sich Katharina Blum hier gleich am Anfang; in Bölls Erzähung geht es
eher darum, die Motive des Mordes an Tötges aufzudecken. Wenn
man die Mordgeschichte des dritten Kapitels als Anfang nimmt, so ist die
Erzählung analytisch aufgebaut und wird rückblickend erzählt, wobei am
Schluss in Kapitel 58 die Details des dritten Kapitels noch einmal
wiederholt werden. Die
Kapitel lassen sich nach Handlungen gruppieren: In
den ersten beiden Kapiteln beschreibt der Erzähler seine
Informationsquellen, Kapitel drei enthält eine Gesamtübersicht über
alle noch folgenden Ereignisse. Die
wichtigsten Personen (Katharina, Götten, Tötges, die Blornas, Polizei)
werden innerhalb der ersten zehn Kapitel eingeführt, außerdem wird über
die Reaktion der ZEITUNG, die Beerdigung Tötges und Beizmennes Telefonabhörung
erzählt. Darauf
folgen die größeren Handlungseinheiten. Die
erste Einheit von Kapitel 11-20 beschreibt alles, was am Donnerstag
passiert ist. Es fängt damit an, dass die Polizei in Katharinas Wohnung
eindringt und diese gründlich durchsucht. Danach wird Katharina
festgenommen und abgeführt. Nun folgt die erste Vernehmung in Kapitel 15,
in der sie unter anderem über Frau Woltersheim ausgefragt wird. Die
darauf folgenden Kapitel (24-35) bilden eine Art Rückblende. Diese
nachgeholten Vernehmungen am Freitag geben Klarheit über Katharinas
Autofahrten und ihren von Sträubleder geschenkten Ring. Dieser Teil enthält
zwei für Katharinas Entwicklung wichtige Einzelheiten: den von Beizmenne
mitgehörten Anruf Ludwigs bei Katharina, der ihr Gewissheit über die
gelungene Flucht und die Bestätigung ihrer gegenseitigen Liebe
vermittelt, und die Forderung Katharinas an den Staat, ihre verlorene Ehre
wieder herzustellen, wodurch die Titelformulierung des Buches wieder in
den Vordergrund rückt (Kap.27). Ab
Kapitel 36 lässt sich die Handlung in kleinere Gruppen aufteilen; zunächst
folgen noch einige nähere Angaben zum Freitagabend in Katharinas und
Elses Wohnung (Kap. 37) sowie Reflexionen über Katharinas Mordentschluss
(Kap.36). Die
nun folgenden Kapitel 37-46 ereignen sich bis auf wenige Ausnahmen alle am
Samstag. Sie lassen sich in mehrere Einheiten von jeweils 2-4 Kapiteln
einteilen und geben dem Leser Aufschluss über Blorna, Sträubleder, den
Tod von Katharinas Mutter. Ab
Kapitel 47 spielt dann fast alles am Sonntag bis auf Kapitel 48 und 50,
deren Handlungsdatum ist unbekannt, die in ihnen dargestellte Handlung ist
wahrscheinlich aber nach dem Sonntag passiert, an dem Katharina Tötges
erschossen hat. Kapitel
58 bildet dann den Schluss, hier werden die Details des dritten Kapitels
noch einmal wiederholt. Dadurch,
dass der Erzähler seine Vorgehensweise im Laufe der Erzählung immer
wieder erklärt wirkt alles sehr authentisch. Das verstärkt die
ergreifende Wirkung der Geschichte. Wie
gestaltet der Erzähler Raum und Zeit der Erzählung? Die
Hauptgeschichte spielt in der Karnevalszeit und zwar von Mittwoch, den
20.02.1974 bis Sonntag, den 24.02.1974. Die nachfolgende Zeit wird nur
kurz angesprochen. Die Karnevalszeit sind eigentlich fröhliche Tage.
(S.12 „Am Anfang der frohen Tage, ...) Für Katharina beginnen sie zwar
fröhlich, denn sie lernt ihren Ludwig Götten kennen, dann jedoch
verbringt sie einen großen Teil dieser Zeit beim Verhör auf dem
Polizeipräsidium. Diese Tage sind also im Gegensatz zu anderen Personen
bei ihr nicht fröhlich. Die
Geschichte spielt zum größten Teil in Katharinas Wohnung und im
Polizeipräsidium. Weitere Orte sind der Urlaubsort der Blornas, das
Journalistenlokal „Goldente“ und auch die Wohnung der Blornas und der
Else Woltersheim. Katharinas
Eigentumswohnung liegt in der Satellitenstadt im Süden. (S.25). Sie wurde
unter den Motto „Elegant am Strom wohnen“ gebaut. (S.25). Aus diesem
Motto kann man schließen, dass die Wohnung am Rhein liegt. „Elegant“
gibt der Wohnung auch sofort eine Wertung und man hat sofort eine
Vorstellung von ihr. Eine Wohnung ist für die meisten Menschen etwas
Privates, wohin man sich zurückziehen kann. Katharina jedoch wird diese
Privatsphäre genommen. Sie wird mit anonymen Anrufen konfrontiert
(„…, denn er hatte auch Kenntnis von einem weiteren anonymen Anruf.“
S.58) und auch in ihrem Briefkasten befinden sich Briefe mit teilweise
sexuellen Anspielungen und auch Beschimpfungen. (S.76-77) So kommt es,
dass Katharina eine Zelle ihrer Wohnung vorzieht. („…, die Wohnung,
sagte sie, sei ihr endgültig verleidet, sie zöge es vor, in einer Zelle
zu warten, … S.59) Bei ihrem ersten Aufenthalt in einer Zelle hatte sie
jedoch noch ihren Ekel bekundet, da die Toilette mit Resten von
Erbrochenem verdreckt war („…
äußerte durch Naserümpfen und Ekel bezeugendes Mienenspiel ihren
Abscheu vor der noch mit Resten von Erbrochenem bekleckerten Toilette in
der Zelle.“ S.27) und man kann sich nicht vorstellen, dass jemand
freiwillig an einen solchen Ort zurück möchte. Katharina, die eigentlich
sehr ordentlich ist, wirft sogar Sherry, Whiskey, Rotwein und Kirschsirup
an ihre Wände. So zerstört sie nacheinander Küche, Badezimmer und
Schlafzimmer (S.78). Hierdurch wird die Zerstörung der Wohnung und damit
der Privatsphäre auch für Außenstehende sichtbar. Aber
nicht nur in Katharinas Wohnung findet ein Wandel statt. Blornas fehlt
Katharina, denn sie hielt für sie Ordnung, und da Katharina nun nicht
dort ist, bricht in der Wohnung Chaos aus. („Ungemütlich auch, dass das
Fehlen von Katharinas ordnender Hand so rasch und so deutlich spürbar
wurde. …, schon das Chaos ausgebrochen zu sein scheint, …“ S.84)
Hubert Blorna fühlt sich in seinem Arbeitszimmer auch nicht mehr
wohl, obwohl alles in Ordnung ist. Aber er kann sich dieses Unbehagen auch
nicht erklären. Der
Leser nimmt die Wohnungen durch die Augen der Personen da, deshalb hat man
immer nur eine eingeschränkte Sicht auf die Wohnungen. Das
Buch wird eigentlich zeitraffend erzählt. Nur die Vernehmungsprotokolle
und der Mord an Tötges werden zeitdeckend erzählt. Der Mord an Tötges
wird zeitdeckend erzählt, damit man die Gedanken der Katharina Blum
nachvollziehen kann. („…, und ich dachte: >>Bumsen,
meinetwegen<< und ich hab’ die Pistole rausgenommen und sofort auf
ihn geschossen.“S.135) Der
Erzähler berichtet eigentlich chronologisch, nur nimmt er zu Anfang das
Ende der Geschichte vorweg. Es gibt jedoch eine große Rückblende, da
sowohl bei Blornas als auch bei Katharina Blum wichtige Ereignisse
auftreten und der Erzähler die Handlung nicht auseinander reißen möchte,
indem er immer wieder den Ort wechselt. So lässt er lieber erst die
Handlung an einem Ort abschließen und schiebt dann die Handlung an dem
anderen Ort nach. Der Rückstau erfolgt von Seite 43 – 83, also Kap. 24
– 38. Der Erzähler leitet den Rückstau hierbei immer ein und schließt
ihn wieder ab. („Hier muss eine Art Rückstau vorgenommen werden,…“
S.43) |
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3.
Welche Figurenkonstellation richtet der Erzähler ein? Der
Erzähler erschafft eine verzweigte Personenkonstellation. In den
Mittelpunkt seiner Erzählung stellt er die Figur der Katharina Blum. Er wählt
diesen Namen, denn Katharina ist die Reine und Blum hört sich an wie
Blume und damit verbindet man Schönheit und Zartheit. Damit gibt er
Katharina durch ihren Namen schon eine Wertung. Auch die anderen Namen
enthalten Eigenschaften oder zeigen die Beziehung zu Katharina. So heißt
der Geliebte von Katharina z.B. Ludwig Götten, da er von Katharina vergöttert
wird. Zu
Anfang der Geschichte wird noch nicht einmal Katharinas Name genannt. Sie
wird einfach als „eine junge Frau von siebenundzwanzig Jahren“
bezeichnet. Auf Seite 9 - auf der die Geschichte beginnt -
werden Kriminaloberkommissar Walter Moeding, Journalist Werner Tötges
und Kriminalhauptkommissar Erwin Beizmenne vorgestellt. Beizmenne bekommt
seinen Namen von Beize, die ätzend wirkt, denn Katharina empfindet ihn so
Denn Beizmenne fragt sie zu Anfang „Hat er dich denn gefickt“ (S.19)
und so kommt es, dass Katharina kein Vertrauen zu ihn fasst. („Man kann
getrost annehmen, dass, wenn Beizmenne diese Frage gestellt hat, von
diesem Augenblick an keinerlei Vertrauen mehr zwischen ihm und Katharina
entstehen konnte.“, S.19). Der Erzähler lässt den Leser geschickt den
Lebenslauf der Katharina erfahren, indem er ihre Aussage bei der
Vernehmung wiedergibt. (S.22, „... begann [...] die Vernehmung, die
protokolliert wurde:..“) Aus den Vernehmungsprotokollen lassen sich auch
die Beziehungen von Personen erkennen. So gibt Hertha Scheumel z.B. an,
dass sie und Claudia Sterm mit Katharina und Frau Woltersheim weitläufig
verwandt seien. („..., sind beide sowohl mit Frau Woltersheim wie mit
Katharina Blum weitläufig verwandt.“) Interessant ist jetzt jedoch,
dass Hertha Scheumel Ludwig Götten mit zur Party gebracht hat. („Da
nachweislich die siebzehnjährige Verkäuferin Hertha Scheumel den Götten
mit zur Party gebracht hat,...“S.67) So stehen Hertha Scheumel, Ludwig Götten
und Katharina Blum alle drei zueinander in Verbindung.
Der
Erzähler legt jedoch nicht gleich zu Anfang die ganze
Figurenkonstellation dar. Er gibt dem Leser nach und nach ein paar
Informationen. Dies hält das Interesse des Lesers wach. So schreibt der
Leser zu Anfang Alois Sträubleder und Lüding keine Funktion zu. Sie
werden nur von Blorna, dem Arbeitgeber von Katharina, erwähnt und man
sieht keine Verbindung zur Hauptperson Katharina Blum. Auch gibt die
Person des Herrenbesuches dem Leser Rätsel auf. Alle Freunde von
Katharina scheinen zu wissen, wer er ist; jedoch wird man wie die Polizei
und die ZEITUNG im Dunkeln darüber gelassen, wer nun der Herrenbesuch
ist. Erst ein Gespräch zwischen Trude und Hubert Blorna zeigt, dass Alois
Sträubleder der Herrenbesuch ist. („..., dass Alois wirklich der
Herrenbesuch gewesen sei,...“ S.88) Sträubleder und Lüding haben eine
gemeinsame Firma namens „Lüstra“, bei dieser ist Hubert Blorna als
Industrieanwalt angestellt (S.123). Auch der Staatsanwalt Peter Hach, der
gegen Katharina ermittelt, ist mit Blornas bekannt. Denn Hubert Blorna und
Peter Hach sind Schul- und Studienfreunde. („...Rechtsanwalt Dr. Hubert
Blorna, sowie dessen Schul- und Studienfreund, der Staatsanwalt Peter
Hach, ...“S.7) Auch Katharina war vor der Vernehmung schon mit Peter
Hach bekannt, denn sie hat gelegentlich mit ihm bei Blornas getanzt.
(„Auch mit diesem Herrn dort“ -- sie zeigte auf Hach, der tatsächlich
errötete, „habe ich gelegentlich getanzt.“ S.29) Die
Sprache des Erzählers Der
Erzähler erzählt in der Er/Sie Form. (S.9 „... klingelt sie an der
Wohnungstür... und gibt dem erschrockenen Moeding zu Protokoll, sie habe
mittags gegen 12.15 in ihrer Wohnung den Journalisten Werner Tötges
erschossen,...“ / S. 34 „Was er nicht berichtete und was doch durch
Frau Woltersheim Blorna bekannt wurde, waren die beiden Ratschläge, die
er Katharina gab,...“) Dies ist daran zu erkennen, dass er von sich
selbst nichts erzählt, sondern das Geschehen darstellt und immer wieder
Kommentare zum Erzählten in den Text einfügt, was für einen Er/Sie –
Erzähler typisch ist. Dieses Einstreuen von Kommentaren zu den erzählten
Vorgängen nennt man auktoriales Erzählverhalten.(S. 75 „... kurz
nachdem sie mit Götten telefoniert habe ( jeder Außenstehende sollte an
der Tatsache, dass sie, wenn auch nicht bei der Vernehmung, offen über
ihre telefonischen Kontakte mit Götten sprach, ihre Unschuld
erkennen!“/ etwas ganz und gar Scheußliches passiert.“) Auf Seite 37
wechselt der Erzähler in die Ich – Perspektive des Blorna und lässt
ihn einen kurzen Teil der Geschichte erzählen. Dies geschieht deshalb,
weil Blorna im Gegensatz zu dem Erzähler den Vorgang, den er beschreibt,
selbst erlebt hat und somit besser schildern kann als der Erzähler. Der
Erzähler berichtet das Geschehene vom olympischen Standort aus. Das heißt
für diese Erzählung, dass er alle Zusammenhänge, die ihm aus bestimmten
Quellen (wie zum Beispiel Polizeiprotokolle) bekannt sind, weiß. Durch
die Quellen ist der Erzähler allwissend, aber über diese Quellen hinaus
verändert sich seine uneingeschränkte Sichtweise zu einer eingeschränkten
Sichtweise, und er kann nur Vermutungen über bestimmte Vorgänge
anstellen. (S. 26 „... die offensichtlich wohlwollende Frau
Pletzer...“) Die
Sprache der Zeitung Die
Sprache der ZEITUNG wird sehr negativ dargestellt. Wie der Leser vom Erzähler
erfahren kann, verdreht sie die Aussagen einzelner Personen, damit der
Leser Katharina nach der Meinung der Zeitung kennen lernt und bewertet.
(s. Verdrehung des Interviews mit Dr. Hiepertz). Außerdem verbreitet sie
Lügen, um sich interessant zu machen, indem sie zum Beispiel berichtet,
dass Blorna sich scheiden lassen will, was nicht der Wahrheit entspricht.
(S. 122) Die Zeitung begeht eine Art Rufmord an Katharina, aber auch an
dem Ehepaar Blorna, das zu Unrecht als Mitwisser der angeblichen
kriminellen Handlungen der Katharina Blum hingestellt wird, was negative
Auswirkungen auf das spätere Leben der Blornas hat. (->
S.132 „Höchst unerfreuliche Entwicklungen. ... Er bietet seine
Villa zum Verkauf an,... .Seine Frau sieht sich „nach etwas anderem
um“,... sie ist sogar bereit, ..., wieder als bessere Verkäuferin
mit dem Titel “Beraterin für Innenarchitektur“ zu einer großen
Möbelfirma zu gehen, aber dort lässt man sie wissen, „dass die Kreise,
an die wir üblicherweise verkaufen, genau die Kreise sind, gnädige Frau,
mit denen Sie sich überworfen haben.“ Kurz gesagt: es sieht nicht gut
aus.“) Katharina
wird meistens nur als „die Blum“ angesprochen, was deutlich macht,
dass die ZEITUNG ihr gegenüber keinen Respekt hat. Dieser nicht
vorhandene Respekt spiegelt sich auch in den Schlagzeilen wieder, in denen
Katharina „Räuberliebchen“ und „Mörderbraut“
genannt wird. Die ZEITUNG gibt Katharina die alleinige Schuld an Göttens
Flucht und stellt sie, mehr noch als Ludwig Götten, als Täterin
dar.(S.36 „ Der seit eineinhalb Jahren gesuchte Bandit und Mörder
Ludwig Götten hätte gestern verhaftet werden können, hätte nicht seine
Geliebte, die Hausangestellte Katharina Blum, seine Spuren verwischt und
seine Flucht gedeckt.“ / S. 133 „Als erstes nachweisbares Opfer der
undurchsichtigen, immer noch auf freiem
Fuß befindlichen Katharina Blum kann man jetzt ihre eigene Mutter
bezeichnen, die den Schock über die
Aktivitäten der Tochter nicht überlebte.“) Sich selbst stellt die
ZEITUNG als ein dem Leser wohlwollendes Medium dar, das vorgibt,
scheinbare Ungerechtigkeiten bestrafen zu wollen, und damit den Leser schützen
zu wollen. (S.37 „Die Zeitung bleibt wie immer am Ball!“ / S. 40
„Der Zeitung, stets bemüht, Sie umfassend zu informieren, ist es
gelungen, weitere Aussagen zu sammeln, die den Charakter der Blum und ihre
undurchsichtige Vergangenheit beleuchten.“ / S. 114 „ Die Zeitung
erhebt zum wiederholten Male die Frage: Sind unsere Vernehmungsmethoden
nicht doch zu milde? Soll man gegen Unmenschen menschlich bleiben müssen?“) Vergleich
der Erzählersprache und der Sprache der Behörden bzw. der Zeitung Der
Charakter der Erzählersprache ist im Vergleich zum Charakter der
Zeitungssprache gegensätzlich. Die
Sprache des Erzählers ist dadurch charakterisiert, dass sich der Erzähler
in seiner Erzählung ausschließlich auf Tatsachen beruft, die er aus
bestimmten Quellen bezogen hat. (S. 7 Angaben der Quellen) Über die
Quellen hinaus gibt er nicht wie die ZEITUNG vor, über Tatsachen zu
berichten, sondern kennzeichnet seine Vermutungen. (ZEITUNG: S. 42 „ Eine
in jeder Beziehung radikale Person, die uns geschickt getäuscht
hat.“ -> vorgetäuschte Tatsache / Erzähler: S. 79 „Dabei wirkte
sie planvoll, keineswegs erregt, so überzeugt und überzeugend, dass Else
W. und Konrad B. nichts unternahmen.“ -> Vermutung) Der Erzähler
legt Wert darauf, dass er über Tatsachen berichtet und nicht über
eventuelle Geschehnisse. (S.119 „Erwiesen ist, dass Katharina um
diese Zeit ... das Journalistenlokal verlassen hatte.“) Vergleicht
man die Sprache des Erzählers mit der Sprache der Behörden, so kann man
feststellen, dass die Behörden, ähnlich wie die ZEITUNG, eine Sprache
verwenden, die nicht ganz sinngemäß zu dem ist, was die einzelnen
Personen aussagen. Allerdings sind die Behörden dazu bereit, die falschen
Aussagen zu korrigieren. (S. 30 Protokoll wird von Katharina nicht
unterschrieben, wenn es nicht geändert wird.)
Die ZEITUNG hingegen tut dies nicht. Die Absicht der Sprache des
Erzählers ist es, die Tatsachen und die reine Wahrheit zu berichten. Die
Absicht der Sprache der Behörden ist es, möglichst schnell an das Ziel,
die Verhaftung des Götten; zu gelangen. Dafür nimmt sie kleinere
Verdrehungen von Aussagen in Kauf, ist aber auch bereit, diese wieder zu
korrigieren. Die Absicht der Sprache der ZEITUNG ist es, eine möglichst
interessante Geschichte zu erzählen. Sie nimmt dafür in Kauf, dass die
Geschichte auf Unwahrheiten basiert und dass die Existenz einzelner
Menschen riskiert wird. Die Sprache der ZEITUNG ist von allen drei
Sprachen die, die am meisten skrupellos ist. Die
Sprache der Behörden Die
niedergeschriebene Sprache der Behörden ist eine andere Sprache als die,
die Katharina im Verhör spricht. Katharina legt Wert darauf, dass ihre
Aussage genau so aufgeschrieben wird, wie sie sie formuliert hat. Die
Polizei hat eine andere Auffassung von der Sprache. Sie schreibt die
Aussage nicht Wort für Wort auf, sondern benennt einige Wörter um (S.30
„Ähnliche Kontroversen hatte es um das Wort „gütig“, auf das
Ehepaar Blorna angewandt, gegeben. Im Protokoll stand „nett zu mir“,
die Blum bestand auf dem Wort gütig, und als ihr statt dessen gar das
Wort gutmütig vorgeschlagen wurde, weil gütig so altmodisch klinge, war
sie empört...“) Die Sprache der Polizei ist grober und nicht so genau
wie Katharinas Sprache. Katharina besteht darauf, dass ihr Wortlaut genau
und in aller Ausführlichkeit wiedergegeben wird. Dies empfinden die
Polizeibeamten als „lästig“ und „affig“. (S. 44 „... die
Protokollführerin Anna Lockster, die die sprachliche Sensibilität der
Blum als lästig empfand und als „affig“ bezeichnete - ...“ / S. 28
„Zwischen 13.30 und 17.45 Uhr wurde die Vernehmung zur Person
fortgesetzt, die Beizmenne gerne kürzer gehabt hätte, die Blum aber
bestand auf Ausführlichkeit...“) Kommissar Beizmenne will Katharina in
eine Falle locken, damit er Götten fassen kann. Er baut gegenüber
Katharina falsches Vertrauen auf. (S.74 „Mir scheint es am besten, sie
frei umherlaufen zu lassen, damit sie einen Fehler begeht und
wahrscheinlich führt die Spur zu seinem Quartier...“) Er will, dass sie
seinen Theorien entspricht. Tut sie dies, ist er freundlich zu ihr. (S. 50
„Das milde Lächeln, mit dem Beizmenne die Erklärung
kommentarlos zur Kenntnis nahm, lieb keinen Schluss auf seine Gedanken zu.
Er nickte nur, und wenn er sich wieder einmal die Hände rieb, dann wohl, weil
die Auskunft von Katharina Blum eine seiner Theorien bestätigt hatte.“)
Aus der Sprache der Behörden kann der Leser erkennen, dass die Behörden
darauf abgerichtet sind, möglichst schnell zu Götten zu gelangen. Ob sie
dabei möglicherweise falsche Protokolle riskieren, oder das Vertrauen
einzelner Personen missbrauchen, ist ihnen gleich. Die
Sprache des Erzählers
Die
Sprache des Erzählers setzt sich aus einzelnen Faktoren zusammen. -
sprachliche Mittel Gleich
zu Anfang in Kapitel 2 benutzt der Erzähler die Metapher der
Quellen und Kanäle. Er macht diese Metapher deutlich, indem er von
Stockungen, Stauungen, Versandungen und missglückten Zusammenführungen
spricht, die sowohl in der Erzählung als auch in der Metapher der Quellen
und Kanäle vorhanden sind. Er nutzt die Metapher, um die Funktion, die er
sich selber zuschreibt, nämlich den Vorgang, das Geschehens zu ordnen und
„trockenzulegen“, auszufüllen. Diese Metapher greift er mehrmals auf.
(S. 56 „Gewisse Stauungen, die man auch Spannungen nennen kann, sind ja
unvermeidlich, weil nicht alle Quellen mit einem Griff und auf einmal um
– und abgelenkt werden können, so dass das trockengelegte Gelände
sofort sichtbar gemacht wird.“ ) Außerdem
greift er oft zu Parenthesen, die die Dringlichkeit einzelner
Gedankenfetzen des Erzählers (in diesem Fall Blorna) deutlich machen. (S.
37 „Alois, angeblich total aufgelöst – was ich bei ihm noch nie
erlebt habe, mir deshalb unwahrscheinlich vorkommt -, zur Zeit auf
einer Tagung für christliche Unternehmer in Bad Bedelig,...“) Weiterhin
treten Repetitiones auf, die die Aufgabe haben, das besonders
Wichtige in der Aussage zu verstärken. (S. 80 „Nein, nein,
belustigend fand sie den nun gar nicht.“ / S. 83 „... auch Hachs
wegen, den man zu früh, einfach zu früh ... am Tage
anrief.“) Die
Klimax, die im weiteren Verlauf der Erzählung benutzt werden,
haben die Funktion, die Steigerung bestimmter Vorgänge zu beschreiben und
somit auf die Dringlichkeit der Aussage hinzuweisen. (S. 107 „... und
erst während sie die Leichenkammer verließ, fing sie an zu weinen, erst
leise, dann heftiger, schließlich hemmungslos.“ / S. 108 „... weil sie es für unmöglich angesehen habe, den
vernehmenden Beamten zu erklären, dass nichts, rein gar
nichts, nicht einmal ein einziger Kuss zwischen ihnen gewesen
sei.“ ) Welche
Haltung nimmt der Erzähler ein?
Gewalt Der
Erzähler lehnt Gewalt strikt ab, was zu Anfang durch seine Wortwahl
deutlich wird. Er spricht nur über sie, wenn es ihm unbedingt nötig
erscheint. Er hält Gewalt für eine niedere Handlung, denn er spricht von
Niveauunterschieden, die er gerne vermeiden möchte. (S. 10 „ Es soll
hier nicht so viel von Blut gesprochen werden, denn nur notwendige Niveauunterschiede
sollen als unvermeidlich gelten, und deshalb wird hiermit aufs Fernsehen
und aufs Kino verwiesen, ... , wenn hier etwas fließen soll, dann nicht
Blut.“ / S. 121 „ Das soll hier nicht alles erwähnt oder zitiert
werden. Gewisse Niveauverletzungen oder -verlassungen sollen nur dann
vorgenommen werden, wenn sie notwendig sind, und hier sind sie
nicht notwendig,...“) Er möchte nicht über das Blutvergießen erzählen,
sondern über die Hintergründe und Tatsachen des Geschehens und er möchte
hierbei so viel Harmonie wie möglich darstellen.( S. 132 „Verflucht,
wie soll man hier Harmonie herstellen,...?“ / S. 131 „ Es ist natürlich
äußerst bedauerlich, dass hier zum Ende hin so wenig Harmonie mitgeteilt
und nur sehr geringe Hoffnung auf solche gemacht werden kann.“)
Wenn er über Gewalt sprechen muss, dann stellt er seine Ablehnung gegen
sie sofort deutlich klar. (S. 129 „Nun muss es korrekterweise leider
berichtet werden, dass in diesem Moment Blorna Sträubleder wirklich in
die F... schlug. Rasch gesagt, um ebenso rasch vergessen zu werden:
es floss Blut, aus Sträubleders Nase,...“ / S. 121 „ Es
kann hier leider die eine oder andere Gewalttätigkeit nicht
verschwiegen werden, die sich ergab,...“) Zeitung Die
ZEITUNG spielt für den Erzähler eine wichtige Rolle. Dies ist daran
erkennbar, dass das Wort ZEITUNG immer groß geschrieben wird. Er bewertet
die ZEITUNG deutlich negativ. (S. 34/35 „... und dann eben genau, in dem
Augenblick, als er loswandern wollte, war dieser Kerl von der
ZEITUNG aufgetaucht und hatte ihn, ohne jede Vorbereitung auf Katharina angequatscht.“)
Er vermittelt dem Leser, dass die ZEITUNG nicht immer bei der Wahrheit
bleibt. (S. 117 „Auch nicht ganz sicher, ob man alle Verleumdungen, Lügen,
Verdrehungen der ZEITUNG richtig kapiert.“) Außerdem spielt er im
Verlauf der Erzählung immer wieder auf seine persönliche Meinung gegenüber
der ZEITUNG an die nicht sehr positiv ausfällt. (S.121/122 „ ...Gewisse
Niveauverletzungen oder -verlassungen sollen nur dann vorgenommen werden,
wenn sie notwendig sind, und hier sind sie nicht notwendig, weil man ja
die ZEITUNG inzwischen wohl kennt.“ / S. 130 „ ... und man
kann es vielleicht der ZEITUNG -
da man ja ihren Charakter inzwischen kennt – nicht übel
nehmen, dass sie das Foto von diesem Handgemenge publizierte...“) Der
Erzähler stellt die Zeitung als ein Medium dar, „auf das man
Aggressionen haben kann“ (S. 125), als etwas, dass normale Menschen zum
Nachteil verändern kann. (S. 117 „Es sei hier am Beispiel Blorna
dargestellt, wie die Zeitung sogar auf relativ rationale
Menschen wirken konnte. ... Als er sich nun die entsprechenden
Passagen aus der Sonntagszeitung am Telefon vorlesen ließ, traute er –
wie man das so nennt – seinen Sinnen nicht(...) ... es platzte ihm
regelrecht der Kragen. Er schrie, brüllte, suchte in der Küche nach
einer leeren Flasche, fand eine, rannte damit in die Garage, wo er zum Glück
von seiner Frau gestellt und gehindert wurde, einen regelrechten Molotow-Cocktail
zu basteln...“) Der Erzähler empfindet die Aufregung und den
Aufwand über die Beerdigungen der Journalisten und die Berichterstattung
über die Morde als unangemessen, weil er im Gegensatz zur Zeitung den Tod
an einem Journalisten als nichts Besonderes ansieht. (S.14 „Tötges
immerhin ist längst beerdigt (mit einem unangemessenen Aufwand,
wie manche Leute festgestellt haben).“ / S. 12 „ Ziemlich merkwürdig
verhielt sich die ZEITUNG, nachdem die beiden Morde an ihren Journalisten
bekannt wurden. Irrsinnige Aufregung! Schlagzeilen. Titelblätter.
Sonderausgaben“) Der Erzähler
gibt an, dass die ZEITUNG keinen Frieden stiftet. (S.79 „ ...weil an
diesem Tag die ZEITUNG immer noch keinen Frieden gab...“) Somit hat die
ZEITUNG die Intention, immer weiter nachzuforschen, was geschieht, ohne
auf die beteiligten Personen Rücksicht zu nehmen. Dies steht im Gegensatz
zur Intention des Erzählers. Er möchte Harmonie verbreiten und die
Beteiligten möglich viel schonen. Er gibt als möglichen Auslöser für
Katharinas Gewaltausübung das an, was in der SONNTAGSZEITUNG stand.
(„Und wenn dies nicht der Auslöser war, so dürfte es keineswegs
beruhigend auf sie gewirkt haben.“, S. 79) Personen Der
Erzähler spricht jede der im Buch vorkommenden Personen meistens mit
Nachnamen an. Dadurch schafft er zwischen den einzelnen Personen und
seiner eigenen Person Distanz. In bestimmten Situationen spricht der Erzähler
Katharina beim Vornamen an. Dies geschieht, wenn der Erzähler entweder im
Namen von Personen, die Katharina nahe stehen und sie mögen spricht, oder
wenn er aus seiner eigenen Sichtweise erzählt. (S. 87 „Es sei wohl
diese merkwürdige, herzliche Kühle an Katharina, die ihn daran gehindert
habe, ihr Herrenbesuch zu werden.“ -> Blorna)
Dabei tritt sie als herzliche, nüchterne, nette Person auf, die
unschuldig ist. In anderen Situationen wird sie mit „die Blum“
angesprochen und als kühle Person dargestellt. Dies geschieht dann, wenn
der Erzähler im Namen der Polizei oder der ZEITUNG erzählt, die eine
skeptische Meinung gegenüber Katharina haben. ( S. 13 „...auch Schönner
wäre ein Opfer „der Blum“,...“ -> Zeitung / S.14 „Die
Recherchen über die Aktivitäten „der Blum“ während der fraglichen
vier Tage ließen sich für die ersten Tage gut an,...“ -> Polizei)
Der Erzähler möchte zu der „herzlichen“ Katharina
Vertrautheit aufbauen, zu der „kühlen“ Blum möchte er Distanz
schaffen. Dieses System der Namensgebung vollzieht sich bei allen
Personen. Der Erzähler lässt
auch die Personen untereinander durch ihre Namensgebung in Nähe oder
Distanz zueinander kommen. (S. 37 Katharina: „Heute morgen haben sie
sogar meine schwerkranke Mutter, Brettloh und andere Leute aufgestöbert.“
-> Distanz / S. 132 „... denn alles, alles gehört doch ihrem „lieben
Ludwig“!“ -> Zuneigung) Ist
der Erzähler parteilich oder nimmt er eine objektiv berichtende Position
ein? Der
Erzähler ist parteilich, obwohl dem Leser am Anfang das Gefühl gegeben
wird, er sei vollkommen neutral und würde nur erzählen, was er weiß,
ohne dabei seine eigene Meinung zu vertreten. Im Verlauf der Erzählung
nimmt er Katharina an verschiedenen stellen aber ganz klar in Schutz (z.B.
S.75 Kap.34 ,,...jeder Außenstehende sollte an der Tatsache, dass sie,
wenn auch nicht bei der Vernehmung, offen über ihre telefonischen
Kontakte mit Götten sprach, ihre Unschuld erkennen!") Außerdem
übt der Erzähler auch immer wieder Kritik an der ZEITUNG (S.13 Kap.6
,,Diese Tatsache der Über-Aufmerksamkeit der Presse muss hier vermerkt
werden, weil nicht nur die ZEITUNG, auch andere Zeitungen tatsächlich den
Mord an einem Journalisten als etwas besonders Schlimmes, Schreckliches,
fast Feierliches, man könnte fast sagen, wie einen Ritualmord
behandelten.", S.79 Kap.36 ,,...und ganz gewiss ist, dass alles, was
dann in der SONNTAGSZEITUNG stand, wenn nicht auslösend, so doch
keineswegs beruhigend gewirkt haben kann.", S.81 Kap.37 ,, Dann hat
es den üblichen Dreck in der ZEITUNG gegeben...", S.111 Kap.45 ,,
Und doch war er später nicht ganz sicher, dass Katharina an diesem Abend
schon zum Mord entschlossen war. Viel wahrscheinlicher erschien ihm, dass
die SONNTAGSZEITUNG den Ausschlag gegeben hatte."). Welche
Funktion schreibt sich der Erzähler selbst zu? Der
Erzähler schreibt sich die Funktion zu, dass er das gesamte Potenzial der
Erzählung zusammenführt und ,,trocken" legt. Er nimmt so eine Art ,,Entwässerung" vor, um den
Hergang des Geschehens zu ordnen und dem Leser somit die Zusammenhänge
deutlich zu machen (S.8 Kap.2 Erklärung
der Funktion) Um
diese Funktion zu verdeutlichen, benutzt der Erzähler die Metapher der
Quellen und Kanäle. Letztlich nimmt der Erzähler also die Rolle des
Gegenpielers zur ZEITUNG ein. |
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Christina Bagnucki, Jennifer Baczyk, Julia Wullenweber |
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