Heinrich Böll     1917-1985

1917

Heinrich Böll wird am 21.Dezember als Sohn eines katholischen Schreiners und  Bildhauers geboren.

1921

Die Familie Böll zieht aus der südlichen Altstadt in den ländlichen Vorort Köln-

Raderberg in ein eigenes Haus.

1924-28  Besuch der Volksschule
1928-37 Staatlich humanistische Kaiser-Wilhelm Schule in Köln
1930

Die Familie Böll muss ihr Haus aus Geldmangel wieder verkaufen und kehrt in die Kölner Südstadt zurück.

1937 Beginn einer Buchhändlerlehre in Köln
1939 Germanistikstudium
1939-45

Kriegsdienst in Frankreich, der Sowjetunion, in Rumänien, Ungarn und im Rheinland. Beförderung zum Obergefreiten. Er erkrankt an Typhus und wird mehrfach verwundet. 1945 wird er kurzzeitig in amerikanischen und britischen Lagern interniert.

1942 Heirat mit Annemarie Cech
1946

 Studium der Germanistik in Köln. Beginn der intensiven schriftstellerischen Tätigkeit.

1947 Der älteste Sohn Bölls, Raimund Böll, wird geboren.
1948 Böll bekommt einen zweiten Sohn. Sein Name lautet René
1949

Böll veröffentlicht sein erstes Buch mit der vom Kriegsleben geprägten Erzählung „Der Zug war pünktlich“

1950 Böll wird ein dritter Sohn, Vincent, von seiner Frau Annemarie Cech geboren.
1951

Böll lebt als freier Schriftsteller mit festem Wohnsitz in Köln. Einladung der „Gruppe 47“ (stehen für freies Schreiben ohne Zensur) von denen Böll für seine satirische Geschichte „Die schwarzen Schafe“ ausgezeichnet wird.

1958 Böll bekommt den Eduard-von-der-Heydt-Preis der Stadt Wuppertal verliehen.
1959 Auszeichnung mit dem großen Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen.
1964 Heinrich Böll ist Gastdozent für Poetik an der Universität Frankfurt am Main.
1967 Verleihung des „Georg Büchner Preises“ der Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung.
1968 Lehrer an der Universität Frankfurt am Main.
1969 Lehrer an der Universität von Prag. Wahl zum Präsidenten des deutschen PEN-Zentrums.
1971  Wahl zum Präsidenten des internationalen PEN-Clubs (bis 1974).
1972

Öffentliche Kontroversen um seine „Spiegel“-Artikel „Will Ulrike Meinhof Gnade oder freies Geleit?“. Engagement in der sozialdemokratischen Wählerinitiative zur Bundestagswahl.   

Auszeichnung mit dem Nobelpreis für Literatur, der damit zum ersten Mal seit 43 Jahren wieder an einen deutschen Schriftsteller vergeben wird.

1974

Veröffentlichung der Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“.

Im März gewährt Böll dem sowjetischen Schriftsteller Alexander Solschenizyn erste Aufnahme. Zuvor hat Böll einige seiner Manuskripte in den Westen geschmuggelt und so erste Veröffentlichungen ermöglicht.

Verleihung der „Carl-von-Ossietzky-Medaille“ der Internationalen Liga für Menschenrechte.

1981 Engagement in der Friedensbewegung. Böll spricht unter anderem bei der ersten Bonner Demonstration gegen den Nato-Nachrüstungsbeschluss.
1983

Ernennung zum Professor durch den Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen. Ehrenbürgerschaft der Stadt Köln.

Teilnahme an der Blockade des US-Militärdepots Mutlangen.

Ansprache auf der zentralen Friedensdemonstration am 22. Oktober in Bonn.

1985 16. Juli: Heinrich Böll stirbt nach langer Krankheit in seinem Haus in Langenbroich/Eifel.

 

In welchem konkreten Zusammenhang ist die Erzählung entstanden?

„Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ ist eine Erzählung, die auf bedeutende Geschehnisse sowohl im politischen, als auch im journalistischen Sinne zurückgreift.

Der Autor Heinrich Böll war in vielerlei Hinsicht nicht mit den Entscheidungen der Regierung und der Gesellschaft einverstanden. So schloss er sich beispielsweise der außerparlamentarischen Opposition (APO) und der großen Protestbewegung gegen die Notstandsgesetzte von 1967 an. Bei den studentischen Protestaktionen gegen den Schah von Persien in Berlin wurde ein Student (Benno Ohnesorg)  von der Polizei erschossen, wodurch sich die Proteste und Reformforderungen verstärkten. Heinrich Böll stellte sich auf die Seite der Studenten, wohingegen besonders die Zeitungen des Axel-Springer-Konzerns gegen die Studenten hetzte. Im Oktober des Jahres 1967 schloss sich Heinrich Böll mit 105 Mitgliedern der Autorenvereinigung „Gruppe 47“ einem Boykott gegen die Springer Presse an. Doch dieser Boykott nützte wenig und die Springer Presse, besonders die Bild-Zeitung, richtete sich weiter gegen die studentischen Aktionen, deren Hauptpunkt die Gewaltanwendung gegen Sachen als Mittel des Protests war. Die „Gewaltanwendung als Mittel des Protests“ wurde besonders durch die RAF (Rote-Armee-Fraktion) verbreitet, die später als Baader-Meinhof-Gruppe bekannter wurde. Die Springer Presse hatte es durch ihre Gegenkampagne geschafft, dass die Mehrheit der Bevölkerung  den demonstrierenden Studenten feindlich gesinnt war. Als dann am 11.04.1968 ein Arbeiter auf Rudi Dutschke, der einer der Wortführer der Studenten war und unter ihnen die größte Autorität und Redefertigkeit besaß, schoss und ihn lebensgefährlich verletzte, dauerten die neueinsetzenden Studentendemonstrationen tagelang an. Nun forderte Heinrich Böll zusammen mit dreizehn anderen Autoren die Beachtung der Studenten und eine öffentliche Diskussion über die Springer-Presse. In den nun folgenden Jahren nahm Bölls politisches Engagement immer mehr zu. Als am 23.12.1971 bei einem Banküberfall von Unbekannten ein Zivilist getötet worden war, schrieb die Bild-Zeitung, ohne dass sie irgendwelche Indizien für diese Behauptung besaß, dass die Baader-Meinhof-Gruppe weitermorde. Heinrich Böll antwortete darauf mit einem Artikel im „Spiegel“, wodurch die Kontroverse zwischen Böll und der Springer-Presse ihren Höhepunkt erreichte (Bölls politisch-gesellschaftliches Engagement bis zum „Terrorismus-Streit“.- In: Bernhard Sowinski, Die verlorene Ehre der Katharina Blum, München 1994, S.8 ff.). In diesem Artikel kritisiert Böll die journalistischen Methoden der Bildzeitung, so schreibt er zum Beispiel „Wo die Polizeibehörden ermitteln, vermuten, kombinieren, ist „Bild“ schon bedeutend weiter: „Bild“ weiß.“ („Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“, Schriftsteller Heinrich Böll über die Baader-Meinhof-Gruppe und „Bild“.- In: Der Spiegel, Nr.3/1972, S. 54-57). Heinrich Böll merkt an, dass allein schon die Überschrift „Baader-Meinhof-Gruppe mordet weiter“ eine Aufforderung zur Lynchjustiz sei und dass man Axel Springer öffentlich den Prozess machen müsste wegen Voksverhetzung. Er schreibt auch, dass man Ulrike Meinhof unbedingt den Prozess machen müsste, und zwar der lebendigen Ulrike Meinhof und in Gegenwart der Weltöffentlichkeit („Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“, Schriftsteller Heinrich Böll über die Baader-Meinhof-Gruppe und „Bild“.- In: Der Spiegel, Nr.3/1972, S. 54-57). Heinrich Böll forderte in seinem Artikel Fairness und Gnade, doch seine Bitte um Gerechtigkeit wurde meist missverstanden oder bewusst falsch gedeutet. Nun wurde Heinrich Böll selbst zum Opfer konzentrierter Hetze, nicht nur durch die Bild-Zeitung. Durch diese Kampagnen wurde Heinrich Böll unvermittelt getroffen und arg strapaziert, sogar erschreckt und verstört (Jürgen P. Wallmann: Der Schuss auf den Revolverjournalisten (Auszug)). Auch der Fall Peter Brückner spielt in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ eine nicht minder schwere Rolle. Peter Brückner, ein Psychologieprofessor, hatte Terroristen bei sich übernachten lassen und wurde dafür von der Presse verfolgt.

Welche Absicht ergibt sich aus dem Entstehungszusammenhang?

 „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ weist Parallelen zur Realität auf. So geschieht zum Beispiel mit der Hauptfigur Katharina Blum dasselbe wie mit dem Psychologieprofessor Peter Brückner. Beide lassen Terroristen oder zumindest des Terrorismus Verdächtige  bei sich übernachten und werden dafür von der Presse verfolgt und gehetzt. Heinrich Böll hat die Absicht gehabt, mit seiner Erzählung den Menschen die Situation dieser Personen bewusster zu machen. Auch der Autor selbst wurde von der Presse verfolgt und hat so seine eigenen Erfahrungen in die Geschichte miteingebracht. So sieht der Leser, wie schlimm es ist, von der Presse gehasst zu werden. Die Privatsphäre wird zerstört, alles, jedes kleinste Detail, auch wenn es sich später als falsch herausstellen sollte,  geht sofort an die Öffentlichkeit. Man hat kein eigenes Leben mehr, und jede noch so schmutzige Kleinigkeit des Lebens wird veröffentlicht.

Heinrich Böll hat einmal gesagt, dass man zu weit gehen muss, um zu sehen, wie weit man gehen kann. Und viele Menschen werden nach Erscheinen dieses Buches gedacht haben, dass er zu weit gegangen ist. Doch Heinrich Böll sagt weiter, dass man sich nicht fürchten darf, zu weit zu gehen. weil die Wahrheit gerade dort liegt. Teile der Bevölkerung werden sich nichts dabei gedacht haben, als man Peter Brückner und die Baader-Meinhof-Gruppe mit journalistischen Mitteln fertig machte, doch in dieser Erzählung sehen sie, wie schlimm dies ist. Besonders schlimm ist es jedoch wenn man einer Sache beschuldigt wird, die man nie getan hat.

Mit seiner Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ will Heinrich Böll aber auch gegen die Boulevardpresse und ihre manchmal unmoralischen Methoden protestieren. So ist sie hier beispielsweise für den Tod der Mutter von Katharina Blum verantwortlich.

Böll sagt über sein Buch, dass es als ein erzählerisch verkleidetes Pamphlet gegen die Zeitung  gedacht, geplant und ausgeführt wurde. Mit dieser Aussage bekräftigt er, dass der mit der Erzählung gegen die Methoden der Springer-Presse protestiert.

 

Ist der Text eine Satire?

 

Was ist eine Satire?

Eine Satire ist ein literarisches Werk, das in allen Gattungen vorkommen kann. So kann es beispielsweise ein Gedicht, eine Dialog, ein Brief, eine Fabel, ein Drama, eine Komödie oder auch ein Roman oder Epos sein. Demnach kann der Ton des Autors unter anderem bissig, zornig, ernst, ironisch, komisch, heiter oder sogar liebenswürdig sein. Eine Satire greift nicht direkt an, sondern der Angriff auf den missbilligten Gegenstand wird indirekt durch Verwendung sprachlicher Mittel geführt. Das Ziel einer Satire ist es stets, den Leser zum Nachdenken über Missstände anzuregen, in dem sie die Missstände ins Lächerliche zieht, oder durch Übertreibung auf diese hinweist.

                      

Die wichtigsten Merkmale einer Satire sind:

 

-         Die Reduzierung des Missstandes auf seinen negativen Kern.

-         Die Verlagerung bestimmter Verhaltensformen in Zusammenhängen, in denen sie unsinnig werden.

-         Übertreibung der Missstände

-         Spott und Ironie

 

Ist die Erzählung eine Satire?

In dem 2. Kapitel  wird der Bericht des Geschehenen mit einer Quelle verglichen, da es bei beiden Vorgängen „Stockungen, Stauungen, Versandungen, missglückte Konduktionen und unterirdische Strömungen“ gebe. Diese Metapher spiegelt eine gewisse Ironie wieder, die eines der Merkmale einer Satire ist.

In Kapitel 10 wird geschildert, wie Kriminalhauptkommissar Beizmenne den Auftrag gibt, das Telefon der Frau Woltersheim und  das der Katharina Blum abzuhören. Hierbei setzt der Autor auf den Spott und die Ironie der Aussage „Ich brauche mal wieder meine Zäpfchen. Diesmal zwei“ (Kapitel 10, S.17), um dem Leser den Missstand dieser Situation nahe zu bringen.

In Kapitel 41 wird das Abhören extrem übertrieben. In diesem Kapitel werden nämlich Psychologen für die Beamten gefordert, weil diese durch das Abhören geschädigt werden könnten.

 

In der Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ wird besonders das Abhören von Personen massiv kritisiert. Das Abhören betrifft fast immer Menschen, die selbst nichts davon wissen, und deren Freiheit dadurch eingeschränkt wird. Zumeist werden die abgehörten Gespräche nicht als Beweise vor Gericht zugelassen, wodurch die Zwecklosigkeit des Abhörens noch einmal bekräftigt wird. Man mag nun vielleicht wissen, dass jemand schuldig ist, kann es demjenigen aber nicht nachweisen.

Deborah Gruner, Markus Knipschild, Kevin Matuschke

 

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